Kieler Kulturpreis 2026 verliehen an den Lyriker Prof. Oswald Egger
Bildende Künstlerin Maria Gerbaulet erhielt den Förderpreis Kultur
Die Verleihung des Kieler Kulturpreises, traditionell am Abschlusssonntag der Kieler Woche, wurde zu einem Festtag für die Muthesius Kunsthochschule Kiel. Der Lyriker und Kunsthochschuldozent Professor Oswald Egger wurde mit dem Kulturpreis 2026 der Landeshauptstadt Kiel ausgezeichnet und den Förderpreis Kultur erhielt die Muthesius-Absolventin Maria Gerbaulet. Auch die Laudatoren der Preisverleihung sind an der „Mu" zu Hause.
In einer Festsitzung der Kieler Ratsversammlung am Sonntag, 28. Juni, überreichten Stadtpräsidentin Bettina Aust und Oberbürgermeister Dr. Samet Yilmaz den mit 10.000 Euro dotierten Kulturpreis an den deutschlandweit hochdekorierten Lyriker und den mit 4.000 Euro dotierten Förderpreis an die junge Bildende Künstlerin, die auch schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Die Preisverleihung bildete einen Höhepunkt im Kulturprogramm der Kieler Woche 2026.
„Professor Oswald Egger wirkt seit vielen Jahren als Vermittler, Anstifter und Förderer eines freien und künstlerischen Umgangs mit Sprache, ihren Elementen und Ideen. Damit beeinflusst er insbesondere den künstlerischen Nachwuchs in Kiel positiv“, steht in der Urkunde der Landeshauptstadt Kiel für den Kulturpreisträger 2018.
Egger ist Nachfolger der Kieler Kammerschauspielerin Ellen Dorn, die den Preis 2024 erhalten hatte. Vor Egger hatten schon andere Lyriker*innen und Schriftsteller*innen den Kieler Kulturpreis bekommen, darunter Dr. Wilhelm Lehmann 1963, Hans-Jürgen Heise 1974, Wolfdietrich Schnurre 1989, Annemarie Zornack 1998, Feridun Zaimoglu 2010 und Arne Rautenberg 2020.
Zur siebten Preisträgerin des Förderpreises Kultur heißt es in der Urkunde: „Maria Gerbaulet bereichert durch ihre Arbeiten und künstlerische Perspektive die zeitgenössische Kunstlandschaft in Kiel und überregional. Sie wird als junge Künstlerin mit großem Zukunftspotenzial geehrt.“
In ihrem Grußwort sprach Stadtpräsidentin Bettina Aust den Preisträger und die Preisträgerin direkt an: „Sie beide vereint, dass Sie von weither nach Kiel gekommen sind und sich hier eine besondere Bedeutung für die Kunstszene weit über unsere Stadt hinaus erarbeitet haben – mit Worten und mit Installationen. Der eine stammt aus Südtirol, die andere aus Nordrhein-Westfalen, aber an der Förde – genauer gesagt: an der Mu – können Sie kreativ sein oder andere darin unterrichten, kreativ zu sein.“
Staatssekretär Guido Wendt aus dem Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein betonte in seiner Rede die demokratische Kraft von Kunst und Kultur: „Die Kieler Woche und die Verleihung des Kulturpreises stehen für denselben Gedanken: Menschen zusammenbringen, Verbindungen schaffen und den Blick füreinander offen halten. Kunst und Kultur eröffnen neue Perspektiven und schaffen Raum für Widerspruch. Darin liegt ihre große demokratische Kraft. Maria Gerbaulet und Oswald Egger stehen mit ihrer besonderen künstlerischen Arbeit beispielhaft dafür.“
Als Vorsitzende des Kieler Kultur- und Wissenschaftssenats erläuterte Prof. Dr. Catherine Cleophas, Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität, in ihrem Grußwort: „Oswald Egger und Maria Gerbaulet erinnern uns daran, dass unsere Sicht auf die Welt immer begrenzt bleibt. Ihre Arbeiten eröffnen Perspektiven, die über Daten, Modelle und Erklärungen hinausgehen. Sie laden uns ein, genauer hinzusehen, Gewohntes zu hinterfragen und neue Zugänge zur Welt zu entdecken. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von Kunst und Kultur für unser Zusammenleben und für die Gestaltung unserer Zukunft.“
Die Laudatio auf den neuen Kulturpreisträger hielt Prof. Dr. Arne Zerbst, Präsident der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Über Prof. Oswald Egger sagt Zerbst: „Durch die Wendung der Worte bekommt die Sprache einen Dreh. Oswald Eggers Worte sind gekostet und geschmeckt, gehört und gesungen, betrachtet und betastet; mit kundiger, lebhafter Leibhaftigkeit, mit allen Sinnen.“ Und weiter: „An Oswald Eggers Arbeiten hat mich seit je ihre erstaunliche Eigenständigkeit beeindruckt. Seine Bücher stehen für sich selbst, einzigartig, nicht einzuordnen, eine Klasse für sich! Das einzelne Wort, gerade das abseitige, abgelegene und abgelegte – auch das neu erfundene – gewinnt durch ihn neue Aufmerksamkeit und erhält Würde und Wucht. So feiern wir in Oswald Egger einen Retter der Sprache, er rettet sie vor vorschneller Aneignung, er rettet ihre Komplexität, ihre experimentelle Abgründigkeit. Ihn zu lesen ist ein großes intellektuelles Vergnügen!“
„Wir haben hier eine Bildhauerin vor uns“, unterstrich Sven Christian Schuch in seiner Laudatio auf die Förderpreisträgerin Maria Gerbaulet. Schuch ist Kurator und Künstlerischer Leiter des interdisziplinären Ausstellungsraums sp ce | Muthesius an der Andreas-Gayk-Straße in der Kieler Innenstadt. Über die Installationen der jungen Künstlerin sagte Schuch: „Gerbaulets Arbeit baut auf die minimalistische Geste. Sie verzichtet auf autobiografische Narrative, meidet Nostalgie und emotionales In-Szene-setzen. Die Objekte selbst sind es, die Aufmerksamkeit fordern und die Spannung halten. …
Nach und nach falten sich Bedeutungsschichten übereinander und ergeben ein größeres Bild, bilden einen Diskursraum, dem man sich Schritt für Schritt nähern und stellen kann. Dabei ist es essentiell, nicht nur die Dinge an sich, sondern ihr Verhältnis und die Positionierung zueinander ästhetisch zu erspüren, da sich gerade daraus weitere Bedeutungsschichten herausschälen und Bezüge herstellen lassen.“
Prof. Oswald Egger, Kieler Kulturpreisträger 2026
Der 1963 in Südtirol geborene und seit 2002 auf der Raketenstation Hombroich (Neuss) lebende Oswald Egger gilt aktuell als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker im deutschsprachigen Raum. Er studierte Literatur und Philosophie in Wien. 1993 erschien mit „Die Erde der Rede“ die erste größere eigenständige poetische Publikation. „Seine Werke sind geprägt von einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit Sprache, Klang, Bewegung und Textur“, heißt es in der Begründung des Ratsbeschlusses.
Egger wurde vielfach ausgezeichnet – unter anderem erhielt er 2024 den renommierten Georg-Büchner-Preis – und seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würdigte, dass er „seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahre 1993 die Grenzen der Literaturproduktion überschreitet und erweitert. Er arbeitet an einem Werkkontinuum, das Sprache als Bewegung, als Klang, als Textur, als Bild, als Performance begreift und sich in der Fortschreibung und Veränderung des Sprachgebrauchs entwickelt.“ Schreiben und Gestalten greifen ineinander bei einigen seiner Bücher, die auch Zeichnungen und Aquarelle des Autors enthalten.
In seiner Rolle als Dozent für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel wirkt Oswald Egger seit 2011 prägend als Vermittler, Anstifter und Förderer eines freien und künstlerischen Umgangs mit Sprache, ihren Elementen und Ideen. Die Ermunterung zur Findung und Entfaltung einer eigenen charakteristischen Gestalterpersönlichkeit ist Kern seiner Lehre und kreativer Nährboden für den künstlerischen Nachwuchs in Kiel.
Maria Gerbaulet, Trägerin des Förderpreises Kultur 2026
Die Kielerin Maria Gerbaulet ist eine herausragende junge Künstlerin und die erste Absolventin der Muthesius Kunsthochschule, die mit dem renommierten Bundespreis für Kunststudierende ausgezeichnet worden ist. In der Bundeskunsthalle Bonn wurden Werke aller sieben Preisträger*innen 2025 gezeigt. Zeitgleich war Maria Gerbaulet auch in der Ausstellung zum Gottfried-Brockmann-Preis 2025 der Landeshauptstadt Kiel für junge Künstler*innen vertreten. Zudem hat die 1994 geborene Künstlerin bereits weitere Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Gustav-Weidanz-Preis für Plastik.
In der Begründung des Ratsbeschlusses zur Verleihung des Förderpreises heißt es: „Ihr Schaffen ist ein einladender Raum für Reflexion und Entdeckung, der sowohl die Zerbrechlichkeit als auch die Stärke des menschlichen Daseins thematisiert.“
Maria Gerbaulets Arbeiten zeichnen sich durch eine starke poetische Kraft aus, die Betrachtende in eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen ihrer Kunst einlädt. Ihre Installationen erforschen die Korrelation zwischen Zerbrechlichkeit und Stabilität, indem sie fragile Elemente in Beziehung zu stabilen Strukturen setzen. Diese duale Betrachtung führt zu einer Reflexion über die menschliche Erfahrung und die Komplexität des Lebens.
74 Jahre Kieler Kulturpreis
Der mit 10.000 Euro dotierte Kieler Kulturpreis wird alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Wissenschaftspreis vergeben. Erster Träger des Kieler Kulturpreises war 1952 der Maler Emil Nolde. Der Preis wird auf Vorschlag des Kultur- und Wissenschaftssenats für hervorragende kulturelle Leistungen vergeben. Als Preisträger ist Prof. Oswald Egger Nachfolger der Kieler Kammerschauspielerin Ellen Dorn, die den Preis 2024 erhalten hatte.
2026 wurde zum siebten Mal zusätzlich zum Kulturpreis der Förderpreis Kultur (Dotierung: 4000 Euro) verliehen, ebenfalls auf Vorschlag des Kultur- und Wissenschaftssenats. Der Preis wird vergeben an junge Menschen, die herausragende kulturell schöpferische Leistungen erwarten lassen. Erste Preisträgerin 2014 war die kanadische Tänzerin Victoria Lane Green vom Ballett Kiel. Zuletzt hatte 2024 der Violinist Benjamin Günst den Förderpreis erhalten.
Seit 2001 wird der Kieler Kulturpreis alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Kieler Wissenschaftspreis auf Vorschlag des Kultur- und Wissenschaftssenats von der Ratsversammlung verliehen. 2025 wurden dem Turnus entsprechend Wissenschaftspreis und Innovationspreis vergeben. Ausgezeichnet wurde die Medizinerin Prof. Dr. Claudia Baldus (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel). Den Innovationspreis 2025 erhielt der Materialwissenschaftler Prof. Dr. Rainer Adelung (ebenfalls CAU).
Stadtpräsidentin Bettina Aust (rechts) und Oberbürgermeister Dr. Samet Yilmaz (links) überreichten die Preise an Prof. Oswald Egger und Mara Gerbaulet. Foto: LH Kiel / Peter Lühr
Pressemeldung 395/28. Juni 2026/ang
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