„Die Stadt und ihre Menschen“ auf vielen Gemälden im Kieler Stadtmuseum
Zur Kieler Woche verbindet das Stadt- und Schifffahrtsmuseum den Trubel des großen Sommerfestivals mit Kunst und Stadtgeschichte. Die Eröffnung der Ausstellung „Die Stadt und ihre Menschen. Gemälde aus 200 Jahren Stadtgeschichte“ am Freitag, 19. Juni, im Stadtmuseum Warleberger Hof gehört zu den ersten Kulturveranstaltungen in der Kieler Woche 2026. Die üppige Gemäldeausstellung präsentiert fast 100 Werke aus den letzten 200 Jahren aus der Kunstsammlung „Fördegalerie“ des Museums.
Die „Fördegalerie“ umfasst vor allem Werke regionaler Künstler*innen, die Kiel und seine schöne Lage an der Förde zum Motiv haben. Die Ausstellung nimmt dabei eine besondere Perspektive ein, denn es geht vor allem um die Menschen auf den Bildern – bekannte und unbekannte, porträtierte oder schemenhaft skizzierte, Fischer, Segler, Bäuerinnen, Badende, Bürger*innen, Matrosen, Passant*innen, Junge oder Alte, Werftarbeiter oder Menschenmengen auf der Kieler Woche.
Bei genauerem Hinsehen offenbaren die Gemälde, wie Künstler*innen in ihrer jeweiligen Zeit auf Menschen und die Kieler Stadtgesellschaft geblickt haben – und das manchmal sogar, indem sie Menschen nur als Staffagefiguren einsetzten oder ihnen gar keinen Platz auf ihren Motiven einräumten. Die Ausstellung fragt aber vor allem danach, welche Bedeutung diese Menschen für die Kieler Stadtgeschichte oder innerhalb der städtischen Gesellschaft hatten.
Gegliedert ist die Schau nach historischen Epochen, in denen sich der Wandel von Stadt und Gesellschaft, aber auch der künstlerischen Sichtweisen darauf zeigt: Angefangen in Dänischer Zeit mit romantischen Landschafts- und Stadtansichten über die Wilhelminische Kaiserzeit mit oftmals impressionistischen Darstellungen des neuen urbanen Lebens in der Werften- und Marinestadt wird ein Bogen geschlagen bis hin zur Nachkriegsentwicklung mit dem modernen Wiederaufbau Kiels, auf den die nachfolgenden Künstler*innengenerationen mit kritischen bis nüchtern-realistischen Darstellungen reagierten.
Im Obergeschoss des Stadtmuseums warten auf die Besucher*innen Gemälde zu zehn Themen, die die Stadtentwicklung und den zeitgenössischen Blick auf den Menschen zusammenführen. Zu jedem Werk gibt die Ausstellung zudem in einem kleinen Objekttext nähere Detail- und Hintergrundinformationen unter dem Leitthema „Die Stadt und ihre Menschen“.
Wer mag, kann sich der Ausstellung mit einem eigens entwickelten Bilderrätsel annähern. Das Museum lädt zudem ein, am Ende der Ausstellung innezuhalten, nachzudenken und vielleicht auch für kommende Besucher*innen (und für das Museum) zu notieren, was besonders starken Eindruck gemacht hat. Dazu soll die Frage „Was würden Sie jemandem über diese Ausstellung erzählen, der*die sie noch nicht gesehen hat?“ anregen.
Die Ausstellung wird begleitet von einer gleichnamigen Broschüre auf Deutsch und auf Englisch. Anlässlich der Sonderausstellung hat das Museum eine kleine Postkartenserie mit Motiven aus der Ausstellung aufgelegt. Beides ist im Museumsshop erhältlich, die Broschüre auch online.
Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 19. Juni, um 17 Uhr durch Kulturdezernentin Dr. Christina Schubert. Außerdem sprechen Museumsleiterin Dr. Sonja Kinzler und Ausstellungskuratorin Dr. Doris Tillmann. Die Ausstellung läuft bis zum 23. Mai 2027. Während der Kieler Woche kann sie vom 23. bis 27. Juni jeweils um 12 Uhr in kurzen Mittagsführungen erkundet werden. Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Themenführungen, Musik und Veranstaltungen für Kinder und Schulklassen. Der Eintritt ins Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof ist frei.
Die zehn Ausstellungsthemen:
Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft in Dänischer Zeit
Schleswig-Holstein und damit auch Kiel gehörten von 1773 bis 1864 zum Dänischen Gesamtstaat. Am Beginn dieser Periode lag die Bevölkerungszahl der Fördestadt bei nur rund 6.000 Personen, an ihrem Ende hatte sie sich vor allem durch Zuwanderung auf knapp 19.000 mehr als verdreifacht. In dieser Zeit der einsetzenden Industrialisierung waren wichtige Infrastrukturprojekte entstanden, die die beschauliche Stadt mit der Welt verbanden: der Eiderkanal, die Chaussee und die Eisenbahnstrecke nach Altona und 1824 eine erste Dampfschifflinie nach Kopenhagen. Die Zahl der Gewerbebetriebe stieg und mit ihr Kiels Bedeutung im norddeutschen Handel.
Mit wachsender Wirtschaftskraft und neuem Selbstbewusstsein ausgestattet, lösten die bürgerlichen Schichten die alte Vormachtstellung des Adels in der städtischen Gesellschaft ab und gaben ihr ein neues Gepräge. Auch die Professorenschaft der Universität spielte eine bedeutende Rolle, als Kiel sich zum geistigen Zentrum des Landes und politischen Brennpunkt entwickelte: Im Rahmen der Schleswig-Holsteinischen Erhebung wurde hier im März 1848 eine provisorische Regierung proklamiert.
Diese lebendige Entwicklung fand nur wenig künstlerischen Niederschlag: Die meisten Stadtansichten Kiels im biedermeierlichen Duktus lieferten die Zeichenlehrer der Universität oder der Gelehrtenschule. Die akademische Malerei orientierte sich nach Kopenhagen, wo man eine romantische Landschaftsmalerei favorisierte. Gern wurde die Regionaltypik von Landschaft und Volksleben herausgestellt. Es entstanden aber auch stolze Bürgerporträts als Auftragsarbeiten.
Großstadtentwicklung und moderne städtische Gesellschaft
Mit der Verlegung der Preußischen und später Kaiserlichen Marine an die Förde und der Ernennung zum Reichskriegshafen 1871 begann Kiels großstädtischer Aufschwung. Der Marineschiffbau wurde forciert, und eine moderne Werftindustrie entstand. Die boomende Wirtschaftsentwicklung ging einher mit einem rasanten Bevölkerungswachstum: Lag die Einwohnerzahl 1867 noch bei knapp 25.000, so erreichte sie 1900 die Höhe von 100.000 und verdoppelte sich nochmals bis 1914. Der Grund war die Zuwanderung von Arbeitskräften, aber auch die Eingemeindung der zu Stadtteilen herangewachsenen Umlanddörfer. Dazu kamen noch mehrere Tausend in Kiel stationierte Marinematrosen. Auch das bauliche Stadtbild veränderte sich grundlegend: Große Mietshäuser und Wohnblocks wurden gebaut, neue Gewerbebetriebe entstanden, außerdem imposante öffentliche Gebäude und eine moderne Versorgungs- und Verkehrsinfrastruktur.
Es entwickelte sich eine großstädtische Gesellschaft, ihr Lebensstil war urban, modern und dem technischen Fortschritt gegenüber ebenso aufgeschlossen wie dem wilhelminischen Militarismus. Sozial gliederte sie sich in eine starke Industriearbeiterschaft – allein im Schiffbau waren über 10.000 Männer beschäftigt, während Frauen zumeist in häuslichen Diensten arbeiteten – und in eine Mittelschicht aus Handwerk, Handel- und Gewerbetreibenden zur Versorgung der Großstadt sowie eine kleine bürgerliche Oberschicht. Die Spitze der Gesellschaft bildeten hochrangige Militärs, allen voran die Hofgesellschaft um den Kaiserbruder Prinz Heinrich von Preußen auf dem Kieler Schloss.
Das Kunstschaffen in der Schiffbau- und Marinestadt
Mit der Entwicklung zur Großstadt hatte sich in Kiel auch eine nennenswerte Kunstszene entwickelt, es gab einen aktiven Kunstverein, eine Kunsthalle mit überregional ausgerichteten Ausstellungen und private Sammler und Mäzene. In Kiel waren etliche Maler und sogar Malerinnen von hohem künstlerischem Niveau wie Dora Arnd-Raschid ansässig. Einige hatten ihre Ausbildung in Paris genossen und trugen nun die Einflüsse des Impressionismus in den Norden. Ihr Interesse galt der Plein-Air-Malerei mit typischen Bildsujets wie der Fördelandschaft und deren flimmernden Lichteffekten auf dem Wasser. Zugleich visualisierten sie auch moderne Entwicklungen des Badelebens am Strand und so manche urbane Straßenszene, hielten aber auch an idyllischen Volkslebendarstellungen fest, die vom Publikum sehr goutiert wurden.
Viele Motive boten sich in Kiel auch für das neue Genre der Industriemalerei; dabei standen die Werftanlagen im Mittelpunkt, nicht die Industriearbeiter und ihr Arbeitsleben. Außerdem blühte im Reichskriegshafen das Genre der Marinemalerei, eine konservativ-realistische Stilrichtung, die die Schiffe – häufig im Manöver – und die Waffentechnik in den Mittelpunkt stellte. Im Gegensatz zur französischen Kunst des Impressionismus wurde sie vom Kaiserhaus favorisiert; nicht zuletzt ließ sie sich auch in den Dienst der Flottenpropaganda stellen. Die Maler waren oft seefahrtbegeisterte Autodidakten. Dagegen setzte sich die neue Kunstrichtung des Expressionismus mit ihren radikaleren Positionen gegenüber der Moderne und Urbanität in Kiel vor dem Ersten Weltkrieg kaum durch.
Der Blick auf das Umland
Zwischen dem ländlichen Umland und der sich schnell ausdehnenden Großstadt Kiel bestand ein symbiotisches Verhältnis: Die ertragreiche Landwirtschaft vor allem der östlich der Förde gelegenen Probstei diente der Stadtbevölkerung zur Nahrungsversorgung und hatte Kiel seit Langem zum überregionalen Agrarhandelszentrum gemacht.
Zugleich entstanden im östlichen Umland neue Wohnsiedlungen für immer mehr Werftarbeiter und ihre Familien und die ehemals bäuerlich geprägten Dörfer wurden nach Kiel eingemeindet: 1910 Gaarden-Ost, Gaarden-Süd, Hassee mit Demühlen, Wellingdorf und Ellerbek, wo bereits eine intensive Fischindustrie florierte. Andere Dörfer an der Förde nahmen eine moderne touristische Entwicklung und wurden als Strandbäder zu beliebten Zielen für Fremdenverkehr und Naherholung.
Auch die Kunstschaffenden zog es an die Küsten; in Heikendorf betrieben die Maler Fritz Stoltenberg und Georg Burmester eine Malschule, saisonweise entstand dort eine Art Künstlerkolonie, wo die impressionistische Freilichtmalerei geübt wurde. Der künstlerische Blick auf das eigentliche Landleben war jedoch distanziert und unrealistisch, gern wurde es als ruhiger Gegenpol zur turbulenten modernen Lebenswelt der Stadtansichten inszeniert. Der Stadt-Land-Gegensatz wurde dabei nicht auf sozialer Ebene thematisiert, sondern auf kultureller. Auch die dargestellten Menschen erscheinen wie auf den alten Volkslebenbildern als von der Moderne unberührte, „echte“ und mit der Natur verbundenen Typen.
Krisenzeit der Weimarer Republik
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Kiel seine Bedeutung als Marinestadt, zugleich brach die positive Wirtschaftsentwicklung ab. Eine Umstellung der Werftindustrie auf Friedenswirtschaft war wenig erfolgreich, und die Arbeitslosigkeit stieg. Auch die überregionalen Krisen der Weimarer Zeit schlugen auf die lokale Ebene durch, ebenso wie der politische und gesellschaftliche Wandel in der jungen Republik.
Die gesellschaftlichen Hierarchien änderten sich, vor allem das Militär büßte seine Position zugunsten ziviler, demokratischer Strukturen ein. Neue soziale Einrichtungen und Bildungsinstitute entstanden; die Bereiche der öffentlichen Versorgung und der Bausektor wurden auf die Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten ausgerichtet.
Ein nur kurzfristiger Aufschwung in den sogenannten Goldenen Zwanzigerjahren brachte einen Modernisierungsschub auch in Kultur, Freizeit und öffentlichem Leben: Vergnügungen waren nicht mehr der Oberschicht vorbehalten, sondern als Massenveranstaltungen Zeichen des neuen Großstadtlebens, an dem auch Frauen ihre Teilhabe genossen.
Ihren künstlerischen Ausdruck fanden die sozialen und politischen Turbulenzen in der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit, die mit einem kühlen, distanzierten Realismus darauf reagierte. Doch die Kieler Kunstszene war in den 1920er Jahren sehr ausgedünnt, ein Umbruch der Malerei erfolgte bei der älteren Generation von Kunstschaffenden vor Ort nur langsam, doch die Wahl der Bildmotive änderte sich, ungeschönte Alltagssituationen rückten in den Fokus.
Der Weg in den Nationalsozialismus
Kiels Weg in den Nationalsozialismus begann bereits Anfang der 1930er Jahre. Bei der Reichstagswahl im Juni 1932 erhielt die NSDAP hier 46 Prozent der Stimmen. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler änderten die Kieler Nationalsozialisten die Verhältnisse mit Gewalt, der gewählte Oberbürgermeister wurde abgesetzt und politische Gegner verfolgt. Die neuen Machthaber bestimmten nun mit ihren straff geordneten Massenorganisationen das öffentliche Leben und die Gesellschaftsordnung bis ins letzte Glied; wer nicht in die „Volksgemeinschaft“ passte, wurde ausgegrenzt und Repressalien ausgesetzt.
Dass die Wirtschaft auf Autarkie und Kriegsvorbereitungen ausgerichtet wurde, war in Kiel schnell spürbar und wurde von Vielen begrüßt. Der ehemalige „Reichskriegshafen Kiel“ wurde nun „Stadt der Kriegsmarine“, Rüstungsaufträge ließen die Werftindustrie wieder boomen, und die Arbeitslosigkeit ging zurück. Selbst die Kieler Woche bekam als NS-Propagandaveranstaltung und Schaufenster der maritimen Aufrüstung neuen Glanz.
Auch das Kulturleben war auf die NS-Ideologie ausgerichtet und sollte diese stützen. In der bildenden Kunst wurden moderne Stilrichtungen und kritische Positionen unterdrückt, so gab es Ausstellungsverbote in der Kieler Kunsthalle. Die Bilder anderer hiesiger Künstler zeigen sich im etablierten impressionistischen Malduktus, ihre lichten Ansichten von Stadt-, Hafen- und Fördelandschaft strahlen Mitte der 1930er Jahre Optimismus aus. Die drohende Kriegsgefahr sowie politische und rassenideologische Verfolgung wurden ausgeblendet.
Luftkrieg und Stadtzerstörung
Mit dem Angriff auf Polen löste das nationalsozialistische Deutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg aus. Als Gegenangriff folgten kaum ein Jahr später erste Bombenabwürfe auch auf den Rüstungs- und Marinestandort Kiel. Ab 1943 starteten die Westalliierten Flächenbombardements auf die Wohnviertel. Zwar waren in Kiel zahlreiche Luftschutzanlagen mit Hilfe von Zwangsarbeitenden gebaut worden, doch viele Zivilist*innen flohen, Mütter mit Kindern und Schulkinder wurden evakuiert, während in der Marinestadt die Rüstungsindustrie bis zum Kriegsende auf Hochtouren lief.
Kiel war im Mai 1945 eine der letzten deutschen Städte, die noch bombardiert wurden. Nach insgesamt 90 Luftangriffen, in denen 2.629 Zivilpersonen getötet wurden, waren 75 Prozent der Wohnhäuser zerstört oder beschädigt, 167.000 Menschen wurden obdachlos. Das Stadtbild glich trotz engagierter Aufräumarbeiten noch viele Jahre lang einer gigantischen Trümmerlandschaft.
Die gewaltige Zerstörung fand ihre künstlerische Reaktion in den sogenannten Trümmerbildern, die in düsteren Tönen, realistisch oder in expressiv-emotionaler Aufladung die Tristesse in den oft menschenleeren Ruinenlandschaften dokumentieren. Dabei ging es um die Verarbeitung des Traumas, aber auch um die Abkehr von der heroisierenden NS-Kunst hin zu einer ehrlichen, ungeschönten Darstellung. Auch dem Willen zum Wiederaufbau und der Hoffnung auf den Neuanfang wurde mit dieser bildlichen Definition einer imaginären „Stunde Null“ Ausdruck gegeben. Viele Darstellungen stammen von hiesigen Kunstschaffenden, die selbst von der Zerstörung betroffen waren.
Moderner Wiederaufbau
Die Wohnungsnot und der Mangel an Infrastruktur in der zerstörten Stadt Kiel waren Ende der 1940er Jahre immens, zumal es einen ständigen Zustrom durch „Flüchtlinge“ und Rückkehrende gab. Doch die Trümmerräumung erfolgte zügig, und mit finanzieller Hilfe des Marshallplans begann der Wiederaufbau von Wohnungen, öffentlichen Bauten, neuen Schulen und der Universität. Auch diverse zivile Industrien wurden angesiedelt, bevor der Schiffbau wieder zum stärksten Wirtschaftsfaktor wurde.
Der architektonische Wiederaufbau der Stadt, bei dem auf die Rekonstruktion historischer Bauten verzichtet wurde, war konsequent modern und sollte den demokratischen Neubeginn zum Ausdruck bringen. In der kommunalen Politik wie auch im Stadtbild betonte man die Nähe zu Skandinavien und gab sich weltoffen. Die flächendeckende Kriegszerstörung hatte zudem Platz geschaffen für neue autogerechte Straßenzüge. Zugleich entstanden erste Fußgängerbereiche in der Innenstadt. Doch erst mit dem Bau der Trabantenstadt Mettenhof mit Wohnraum für über 20.000 Menschen galt die Wohnungsnot Mitte der 1960er Jahre als überwunden und der Wiederaufbau als abgeschlossen.
Diese Prozesse schlugen sich kaum in der bildenden Kunst nieder, die sich international und auch lokal von der gegenständlichen Abbildung hin zur Abstraktion und anderen modernen Ausdrucksformen entwickelt hatte. Allein einige Grafiken, darunter auch von Lehrenden der Muthesius-Werkschule für Handwerk und angewandte Kunst, widmen sich in zumeist stilisierten Darstellungen dem neuen Kieler Stadtbild, in dem Menschen nur als belebende Staffagefiguren sichtbar werden.
Neue Realisten und der kritische Blick auf Stadt und Gesellschaft
Die Begeisterung für das neue Kieler Stadtbild währte nur kurz, denn die Menschen vermissten die heimelige Atmosphäre einer gewachsenen Altstadt, zumal nicht nur für die Austragung der olympischen Segelwettbewerbe 1972 in Kiel weitere städtebauliche Modernisierungen vorgenommen wurden. Die neue Großstadtarchitektur mit ihren Sichtbetonfassaden und den breiten Autostraßen galt Vielen als lebensfeindlich, der Abbruch von Altbausubstanz als Umweltzerstörung. Dieses Unbehagen ging in den 1970er und 80er Jahren einher mit einer breiten kritischen Bewegung, die die Missstände in Politik und Gesellschaft anprangerte: Viele Menschen in Kiel engagierten sich angesichts der wachsenden Rüstungsindustrie in der Friedensbewegung ebenso wie in der Anti-AKW-, Umwelt- und Frauenbewegung oder für die „Dritte-Welt“ und trugen ihren Protest auf die Straße.
Auch die Kieler Kunstschaffenden entwickelten mit neuen Stil- und Ausdrucksmitteln kritische Positionen. Nachdem sich die bildende Kunst der Nachkriegszeit weitgehend der Abstraktion gewidmet hat, folgte mit dem Neuen Realismus wieder eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Alltagsdingen und der realen Lebenswelt, wobei insbesondere die Konsumkultur hinterfragt wurde. Lehrende und Studierende der hiesigen „Muthesius-Fachhochschule“, allen voran Peter Nagel und Harald Duwe, thematisierten auch die gesellschaftlichen Zustände direkt vor Ort. Es entstanden oft irritierende Bilder von Alltagssituationen, die sich kritisch mit dem Verhältnis der Menschen zu ihrer Stadt auseinandersetzen.
„Kiel in Sicht“
Um die Jahrtausendwende hatten sich die wirtschaftlichen, politischen und demografischen Verhältnisse in Kiel weitgehend konsolidiert: Kiels Einwohnerzahl lag nun seit Längerem bei rund 240.000. Nach einer anhaltenden Schiffbaukrise hatten die Werften ihre wirtschaftliche Dominanz zugunsten eines wachsenden Dienstleistungssektors verloren, und Kiel konnte als Universitätsstadt, Verwaltungs- und Einzelhandelszentrum mit großen Shoppingmalls an Bedeutung gewinnen. Die zum größten Volksfest des Nordens herangewachsene Kieler Woche war nicht nur ein Wirtschaftsfaktor und Segelsportereignis, sondern spielte eine entscheidende Rolle für die lokale Identität der Menschen.
So finden sich auch in der bildlichen Darstellung Kiels Abbildungen eines hier typischen urbanen Alltags: Menschen bei Arbeit und Freizeit, als Konsumierende in Geschäften oder nur Passant*innen im Stadtbild. Dieser Eindruck beruht auch auf dem Malstil der sogenannten Norddeutschen Realisten, einer regionalen Vereinigung Kunstschaffender, die sich der Wiederbelebung der Plein-Air Malerei im zumeist impressionistischen Duktus gewidmet hat. Dabei werden Motive direkt in der Natur oder im Alltag gesucht und eine realistische Darstellung aus der Situation heraus ohne schönende oder kritische Attitüde angestrebt. Die Gemälde zeichnen sich durch einen schwungvollen malerischen Gestus und einen pastosen Farbauftrag aus. Oft haben sich die Norddeutschen Realisten auch zu gemeinsamen Malaktionen oder Symposien zu bestimmten Themen zusammengefunden, so auch 2000/2001 unter dem Titel „Kiel in Sicht“.
Pressemeldung 367/18. Juni 2026/yd-ang
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